Hessische Automobilgeschichte

Der Autohersteller Hessen

Vergessen – Der Autohersteller Hessen

Selbst Leute, die sich in der Automobilgeschichte auskennen, wird es verwundern wenn an dieser Stelle neben Röhr und Falcon von einem weiteren Ober-Ramstädter Automobillbauer die Rede sein wird.

Um es gleich zu sagen: Nur kurz war die Geschichte eines Unternehmens, das sich in Anlehnung an unser Heimatland den Namen Hessen gegeben hatte. Und viel ist von dem fehlgeschlagenen Versuch eine Autofabrik zu gründen leider nicht bekannt! Da es kein nachweisbares Foto eines Hessen-Wagens gibt, ist sogar das Aussehen unbekannt. Einzig eine Werbeanzeige und einige Zeitungsartikel belegen die Existenz dieser automobilen „Eintagsfliege“.

Entstanden ist dieses Automobil, so viel ist sicher, in der Ober-Ramstädter Küchenmöbelfabrik Schröbel – eine Fabrik, die ebenso wie die meisten Gebäude auf dem benachbarten Röhr-Werksgelände inzwischen den Baggern zum Opfer gefallen ist. Und mit dem Röhr-Gelände ist auch diese Geschichte verbunden: Das Darmstädter Tagblatt und die Lokalzeitung Odenwälder Nachrichten berichteten im Februar, bzw. März 1924 über Verhandlungen mit Geldgebern zur Gründung einer neuen Automobilfabrik in Ober-Ramstadt und im April über die Fertigstellung des ersten »Vorführwagens« – nach zwei Monaten Bauzeit. Die sofort aufgenommenen Probefahrten – über 500 km (!) – wären überaus zufriedenstellend gewesen und der neue Wagen würde seinen Erbauern alle Ehre machen!

Bekannt ist heute noch, dass einer der zufriedenen Erbauer den Namen Mendel trug. Mendel war zuvor bei der Falcon Automobilwerke AG beschäftigt. Nach der Inflationszeit wurden dort die Finanzierung und damit die Zuständigkeiten neu geordnet. Der bislang geplante Bau eines Sechszylindermodells mit der Bezeichnung CA 8 wurde verworfen – die Konstruktion erschien zu teuer und aufwendig.Mendel war einer der Fachleute, die dann Anfang des Jahres 1924 die Falcon Automobilwerke AG verließen. Wahrscheinlich um das CA 8-Projekt – praktisch „um die Ecke“, in der Schröbelschen Küchenmöbelfabrik – weiterzuführen. Dass auf eine fertige Konstruktion zurückgegriffen werden konnte, erklärt die schnelle Fertigstellung des »Vorführwagens«.

In einem der Zeitungsberichte wurde der Hessen-Wagen als Kleinkraftwagen bezeichnet. Allerdings trug der er nach der deutschen Steuerformel die Bezeichnung 6/28 PS, was bedeutete, dass es sich hier eher um ein kleineres Mittelklassemodell handelte. Vermutlich hatte der Sechszylindermotor immerhin einen Hubraum von etwa 1,5 bis 2 Litern – eine außergewöhnliche technische Auslegung! Leider sind weitere konstruktive Einzelheiten, genau wie die nähere Geschichte dieses »Automobilabenteuers«, heute unbekannt.

Der Hessen-Wagen beteiligte sich dann im Juli 1924 beim Flach- und Bergrennen, einem „Kombinierten Wettbewerb“ zwischen Eberstadt, Bickenbach und Ober-Beerbach. Im Teilnehmerfeld dieser Veranstaltung – die übrigens inzwischen genau so vergessen ist wie die Existenz der Marke Hessen – tauchten dann die Autohersteller unserer Region auf: Falcon, FAFAG, HAG, Garbaty, Adler und Hessen.

Dazu gesellten sich die von Carl Jörns und Fritz von Opel gefahrenen Rennwagen der Opel-Werke aus Rüsselsheim – damals der mit Abstand größte deutsche Autohersteller. Schließlich kamen neun Fahrzeuge in die Wertung des Rennens und der 9. Platz wurde von dem teilnehmenden Hessen-Wagen belegt.

Dies war das letzte Mal, dass die Öffentlichkeit etwas von dieser Automarke hörte, danach verlor sich die Spur in den Wirren der Weimarer Republik.



Werner Schollenberger - Beiträge zur Automobilgeschichte


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Auszüge aus den Odenwälder Nachrichten von 1924

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