Automobil- und Technikgeschichte

Die Opel Rennbahn

Der Automobilrennsport hat in Deutschland eine lange Tradition! Nicht erst seit Formel 1, DTM, Schumi und Sebastian Vettel lockt diese nicht immer unumstrittene Sportart die Zuschauermassen an. Bereits um die Jahrhundert-wende wurden Autowettbewerbe ausgetragen. Anfangs fanden diese Konkurrenzen auf regulären Landstraßen statt, die man nicht einmal für den normalen Straßenverkehr gesperrt hatte.

Eine erste Weg bereitende Veranstaltung von großer internationaler Bedeutung war die Ausrichtung des Gordon Bennett Cups im Jahr 1904, mit Start und Ziel an der Saalburg im Taunus. Die Teilnehmer mussten eine Strecke von knapp 130 km, auf teilweise nicht gut präparierten Straßen, viermal durchfahren – eine Tortur für Mensch und Maschine!

Die große Zeit der „Silberpfeile“ sollte erst noch kommen – 1934, 30 Jahre später! Dazwischen lagen der „Kaiserpreis“, die Zuverlässigkeitswettbewerbe der „Herkomerkonkurrenzen“, der „Prinz-Heinrich-Fahrten“ und der „24 Stunden-Fahrten im Taunus“. Dabei veränderte der Automobilrennsport ganz gehörig sein Gesicht und die holperigen Landstraßenrennstrecken hatten allmählich ausgedient. Die Engländer machten es vor, bereits 1907 wurde dort mit der Brooklands-Bahn die erste „richtige“ Autorennstrecke eingeweiht. Auch in Deutschland folgte man dieser Idee und plante entsprechende Rennstrecken: Der Nürburgring in der Eifel oder die AVUS in Berlin – klangvolle Namen, wenn es um die Geschichte des Automobilrennsports geht. Diese Rennstrecken waren zwischen den beiden Weltkriegen das Ziel der Motorsportpilger. Hunderttausende schnüffelten bei den Duellen der Rennwagen und Motorräder den „blauen Dunst“ der nach Äther riechenden Abgase. Jedoch ganz vergessen ist inzwischen eine einst sehr bekannte Rennstrecke, die noch vor der Zeit von AVUS und Nürburgring bei Renntagen tausende Zuschauer anlockte.

Bereits im Ersten Weltkrieg begannen die Opel-Werke den Bau der „Opel Renn- und Versuchsbahn“, am Schönauer Hof zwischen Rüsselsheim und Trebur und am 24. Oktober 1920 lud der Hessische Automobilclub und der Wiesbadener AC mit einem „Kombinierten Wettbewerb für Automobile“, zur Einweihung der Strecke ein. Das 1,5 km lange Betonoval war zwar ursprünglich mehr als Versuchs- und Einfahrbahn der Opel-Werke konzipiert worden, nun stellte die Strecke ihre Tauglichkeit als Automobilrennkurs unter Beweis. In diesem Sinn kann man die heute vergessene Rüsselsheimer Opel Rennbahn als erste für den Automobilrennsport konzipierte Strecke Deutschlands, quasi als Mutter des Nürburgrings oder Großmutter des Hockenheimrings bezeichnen. Mit seinen Steilwandkurven hatte die Bahn ihre großen Vorbilder in der englischen Brooklandsbahn oder im amerikanischen Indianapolis. Als deren verkleinertes Abbild geplant, wirkte die Strecke nicht weniger spektakulär als ihre englischen und amerikanischen Schwestern. Nach seiner Eröffnung wurde das Betonoval Schauplatz vieler dramatischer Rennen, bei denen sich bis zu 50.000 Zuschauer am Streckenrand tummelten.

An solchen Renntagen muss die Opel Rennbahn eine beeindruckende Atmosphäre geboten haben. Im weiten Umkreis der Rennbahn waren Werbetafeln aufgestellt. Die Bahn brachte mit Sonderzügen die Zuschauermassen nach Rüsselsheim. Auf den Parkplätzen scharten sich die damals noch dünn gesäten Automobile und Motorräder. Dicht drängten sich die Zuschauer auf Tribüne oder am Fahrbahnrand in der Mitte des Ovals. Ein buntes Treiben mit Verkaufsständen, Wurstbuden, Souvenirverkäufern, Honoratioren der Automobilclubs und Motorsportprominenz. Oft war auch „Seine Königliche Hoheit der Großherzog Ernst Ludwig von Hessen“ unter den Zuschauern. Denn Veranstalter der Renntage waren die honorigen Automobilclubs der Region, FAC (Frankfurter Automobil Club), HAC (Hessischer Automobil Club) oder WAC (Wiesbadener Automobil Club), die üblicherweise ein Frühjahrs- und ein Herbstrennen ausrichteten.

Die Konkurrenzen waren für Autos und Motorräder ausgeschrieben. Das Starterfeld wurde in verschiedene Leistungsklassen gegliedert, die man in mehreren Einzelrennen in Gruppen von etwa 4 bis 8 Fahrzeugen gegeneinander antreten lies. Die Motorräder gingen hingegen üblicherweise in großen Gruppen mit „fliegendem Start“ in das Rennen. Besonders die Autorennen zogen die Zuschauer in Ihren Bann. Lokalmatador Opel lieferte sich spannende Kämpfe mit anderen, heute längst vergessenen Hessischen Autoherstellern. Wem ist heutzutage noch Adler aus Frankfurt, HAG und FAFAG aus Darmstadt oder FALCON aus Ober-Ramstadt ein Begriff. Aus Mainz brachten die – heute selbst Automobilfachleuten kaum noch bekannten – Garbaty-Werke ihre Sportwagen an den Start. Diese Hersteller traten neben anderen nationalen und internationalen Automarken wie Benz, Horch, Fiat, NSU, Minerva oder Stoewer in Erscheinung und sorgten für spektakuläre Rennverläufe! In einem Bericht über das Frühjahrsrennen auf der Opel Rennbahn am 31. Mai 1925 ist in der Hauszeitschrift des Frankfurter Automobil Clubs im Heft 3, Juni 1925 zu lesen: „Wer einmal die Opelbahnrennen mitgemacht hat, kommt immer wieder, dem eigentümlichen Zauber dieser größten Veranstaltung kann sich niemand entziehen. Mag manchmal auf der Bahn selbst auch die Vielfalt der Veranstaltungen ermüden, die sportliche Spannung wird immer wieder neu angeregt uns zum Schluß nimmt man die Erinnerung an einen erlebnisstarken, ereignisreichen Tag mit, dem man vielleicht: - in Stunden zusammengeballt - ein Abbild unserer Zeit sehen könnte mit ihren Menschenmassen, ihrer Reklame und dem harten Ringen um Erfolg“.

Der Ruf Deutschlands populärste Autorennstrecke zu sein wurde der Opel Rennbahn jedoch bald von der 1921 eröffneten AVUS und ab 1927 durch den Nürburgring abgelaufen. Und Anfang der 30er Jahre wurde der Rennbetrieb in Rüsselsheim endgültig eingestellt. Nur ab und zu rumpelten noch ein paar Opel-Einfahrer mit Neuwagen über die rissige Betondecke. 1949 wurden dann die aufälligen Holztribünen abgerissen. Schließlich verfiel die Strecke immer mehr, Bäume und Gestrüpp überwucherten das weite Gelände. Die beliebte Rennstrecke wurde ganz einfach von Zeit und Technik überholt. Dem rasend fortschreitenden Wandel der Automobilentwicklung konnte das Rüsselsheimer Mini-Indianapolis nicht mehr folgen. Die große Zeit der Opel Rennbahn war in den 20er Jahren. Doch auch schon in dieser Zeit stießen die Wettbewerbs-fahrzeuge an die Grenzen der Betonbahn. Die Rennstrecke erlaubte Spitzengeschwindigkeiten von nur etwa 140 bis 150 km/h. Bald waren Rennfahrzeuge, Autos oder auch Motorräder viel zu schnell für das Betonoval. Als 1934 die große Zeit der Silberpfeile anbrach, war die Opel Rennbahn längst Rennsportgeschichte.

Heute liegt die alte Strecke, ein Teil der Historie der Adam Opel AG, vergessen unter Gebüsch, Gras, Laub und Erde, in einem Waldstück nahe Rüsselsheim. Hier fuhren Kurt C. Volkhart und Fritz von Opel ihre ersten Versuche mit dem Raketenwagen RAK 1, an Renntagen dröhnten hier die Wagen mit von 140 km/h durch die Steilkurven und das Publikum tobte. Rennsportprominenz wie Rudolf Caracciola, August Momberger, Lokalmatadore Carl Jörns, Fritz von Opel, Otto Heinrich Graf Hagenburg oder Harry Stumpf-Lekisch zeigten ihre Fahrkünste.

Wenig ist aus der „großen Rennsportzeit“ geblieben: Erinnerungen bei einigen wenigen Zeitzeugen, vergilbte Fotos, Zeitungsberichte und unvollständige Starterlisten. Das in Deutschland einmalige technische Denkmal vergeht derweil unbeachtet im Wald! Immerhin informiert inzwischen eine Besucherplattform und das eine oder andere Hinweisschild über die Bedeutung der noch gut erkennbaren Betonsteilkurven. Dort wo Opel 1924 stolz eine Tagesproduktion „Laubfrösche“ den staunenden Zuschauern zeigte, wuchern heute Heidelbeeren, Pilze und Moos. Die zerstörten Fundamente des Zeitnehmerhäuschens liegen verwittert und kaum noch erkennbar irgendwo im Wald. Die Zuschauerränge haben sich Karnickel, Reh und Eichelhäher zurückerobert und über den ehemaligen Bereich der Start und Zieltribüne donnert der Verkehr der Landstraße. Kaum einer der vorbeirasenden Auto- und Motorradfahrer ahnt welch automobilhistorisch interessanten Bereich er tangiert.

Sicher wurden die von mir schon von 20 Jahren veröffentlichte Zeilen dann doch von einigen Verantwortlichen gelesen: „Obwohl heute Wasserschutz-gebiet, wäre es doch wohl gerade für Opel. oder auch die Stadt Rüsselsheim, eine Herausforderung weitreichender auf dieses Thema einzugehen – und wenn man nur einen kleinen Abschnitt der alten Betondecke zur Erinnerung an ein bedeutendes Kapitel der deutschen Technikgeschichte freilegt. Die alte Opel Rennbahn ist ein echtes Stück „Opel Live“. Opel-Live – für dieses gescheiterte Prestigeobjekt konnte Opel Millionen in den Sand setzen. Die falschen Berater und deren mangelndes Wissen – vielleicht machen es Verantwortliche in Zukunft besser!“.

Ja, die Zukunft ist Heute! Das Stück Beton wurde inzwischen freigelegt, dazu eine Aussichtsplattform zur Besucherinformation errichtet. Es wird endlich an ein Stück Automobilrennsport und Technikgeschichte des Rhein/Main-Gebietes erinnert.



Werner Schollenberger - Beiträge zur Automobilgeschichte


Werner Schollenberger - Beiträge zur Automobilgeschichte


Werner Schollenberger - Beiträge zur Automobilgeschichte
Fritz von Opel

Werner Schollenberger - Beiträge zur Automobilgeschichte


Werner Schollenberger - Beiträge zur Automobilgeschichte


Werner Schollenberger - Beiträge zur Automobilgeschichte
Laubfroschparade

Werner Schollenberger - Beiträge zur Automobilgeschichte


Werner Schollenberger - Beiträge zur Automobilgeschichte
Die gleiche Stelle früher...i>

Werner Schollenberger - Beiträge zur Automobilgeschichte
... und heute !